49 Studien. 1.863 Probanden. Und am Ende steht eine Zahl: 1,62 g Protein pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag. Darüber, so Morton et al. in ihrer Auswertung für das British Journal of Sports Medicine, steigt die fettfreie Muskelmasse kaum noch weiter.1
Diese Zahl findest du in fast jedem Sporternährungs-Ratgeber. 1,6 g/kg – fertig, mehr braucht man nicht. Wer darüber geht, verschwendet Geld. So die vereinfachte Version. Nur fehlen drei Dinge: Für wen das Plateau tatsächlich gilt. Wie du die Menge sinnvoll über den Tag verteilst. Und was sich ändert, wenn deine Proteinquelle pflanzlich ist.
Das Wichtigste in Kürze
- 1,62 g/kg/Tag ist das belegte Plateau für Muskelmassezuwachs beim Kraftsport – darüber zeigt die Meta-Analyse von Morton et al. (2018, 49 Studien) keinen signifikanten Zusatznutzen.1
- Pro Mahlzeit sind 0,4 g/kg sinnvoller als die oft genannten 0,2 g/kg – vor allem für Erwachsene ab etwa 60 Jahren.
- Anabolresistenz im Alter erhöht den Bedarf pro Mahlzeit: Ältere Muskelzellen reagieren weniger sensitiv auf Protein und brauchen mehr, um denselben MPS-Impuls zu erzeugen.5
- ISSN empfiehlt 1,4–2,0 g/kg für Aktive – das 1,6-g/kg-Plateau ist ein gut belegtes Optimum, kein universelles Maximum für alle Situationen.4
Inhalt
Was sagen die Meta-Analysen? Die 1,6-g/kg-Schwelle erklärt
Das überzeugendste Bild über den Zusammenhang zwischen Proteinzufuhr und Muskelaufbau liefert die Meta-Analyse von Morton et al. (2018): 49 Studien, 1.863 Teilnehmende, einheitliches Design. Ab einer täglichen Zufuhr von 1,62 g Protein pro Kilogramm Körpergewicht flacht die Dosis-Wirkungs-Kurve klar ab – zusätzliches Protein erzeugt keinen messbaren weiteren Zuwachs an fettfreier Masse.1
Morton et al. haben dabei ausschließlich Studien einbezogen, die mit kontrolliertem Krafttraining kombiniert waren, und die Ergebnisse auf Signifikanz und Effektgröße geprüft. Das Ergebnis klingt fast zu eindeutig, um interessant zu sein.
Morton et al. (2018): Proteinzufuhr über 1,62 g/kg/Tag führt bei trainierenden Erwachsenen zu keinem signifikanten weiteren Anstieg der fettfreien Masse. Zusätzliche Proteinaufnahme gegenüber der Kontrollgruppe ergab im Schnitt +0,30 kg mehr fettfreie Masse.1
Aber: Das 1,6-g/kg-Plateau gilt für eine gemischte Studienpopulation. Pflanzliche Proteinquellen waren in diesen Studien unterrepräsentiert. Und die Frage, ob ältere Erwachsene denselben Richtwert anwenden können, beantwortet die Zahl allein nicht.
Nunes et al. haben das 2022 erweitert. Ihre Meta-Analyse bestätigt den positiven Effekt erhöhter Proteinaufnahme, macht aber die Effektgröße transparent: ein kleiner bis moderater Effekt auf die Lean Mass (SMD = 0,22).2
Nunes et al. (2022): Systematischer Überblick bestätigt den Effekt erhöhter Proteinzufuhr auf Lean Mass (SMD = 0,22). Effekt ist real, aber moderat. Ergebnis gilt für gesunde, nicht adipöse Erwachsene mit Krafttraining.2
SMD = 0,22. Das ist ein kleiner bis moderater Effekt. Protein ist einer von mehreren Faktoren – Training, Schlaf und Gesamtenergiebilanz spielen alle mit. Aber es ist ein messbarer, reproduzierbarer Faktor. Das zählt.
Die aktuelle Meta-Analytik zeigt: 1,6 g Protein pro kg Körpergewicht pro Tag maximiert den Muskelaufbau bei trainierenden Erwachsenen. Mehr bringt keinen proportionalen Zusatznutzen (Morton et al. 2018, SMD +0,22 bei zusätzlicher Proteinaufnahme, Nunes et al. 2022). Der Effekt ist real – aber moderat.1,2
Wie viel Protein pro Mahlzeit macht Sinn? Die 0,4-g/kg-Regel
Die Tagesgesamtmenge ist der stärkste Hebel – aber nicht der einzige. Schoenfeld und Aragon haben 2018 untersucht, wie viel Protein der Muskel pro Mahlzeit für den Aufbau verwerten kann, und kamen zu einem Ergebnis, das die verbreitete "30-Gramm-Grenze" klar widerlegt.3
Die "30-g-Regel" – die Idee, dass der Körper nicht mehr als 30 g Protein pro Mahlzeit für Muskelaufbau nutzen kann – hat in der Forschung keinen soliden Beleg. Protein wird prinzipiell vollständig absorbiert. Die eigentliche Frage ist, wie viel davon die Muskelproteinsynthese (MPS) aktiv stimuliert, anstatt oxidiert oder für andere Zwecke genutzt zu werden.
Schoenfeld & Aragon (2018): Für maximale Muskelproteinsynthese empfiehlt sich eine Mahlzeitendosis von ~0,4 g/kg, verteilt auf mindestens vier Mahlzeiten. Damit ist das tägliche 1,6-g/kg-Ziel optimal abgedeckt.3
Die Verteilung ist planbar. Bei 75 kg Körpergewicht bedeuten 0,4 g/kg pro Mahlzeit etwa 30 g Protein pro Einheit – was vier über den Tag verteilten Mahlzeiten entspricht. Frühstück, Mittagessen, Post-Workout, Abend. Wer dabei auch auf Leucin achtet, schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe: ausreichende MPS-Stimulation und gleichmäßige Versorgung.
Ein SYNTYZE-Proteinshake mit 24 g Protein und 3 g Leucin pro Portion ist dabei ein effizienter Baustein – pflanzlich, ohne künstliche Süßstoffe, mit einem Enzymkomplex, der 5 Verdauungsenzyme enthält.
Die tägliche Proteinzufuhr von 1,6 g/kg entfaltet ihren Effekt am besten verteilt auf mindestens drei bis vier Mahlzeiten. Schoenfeld und Aragon (2018) empfehlen ~0,4 g/kg pro Mahlzeit – bei 80 kg entspricht das etwa 32 g pro Einheit, deutlich über der oft genannten 30-g-Grenze.3
Unterscheidet sich der Proteinbedarf mit dem Alter?
Ja. Und der Unterschied ist größer als die meisten erwarten. Mit steigendem Alter reagieren Skelettmuskelzellen weniger sensitiv auf Protein – ein Phänomen, das Forscher als "anabole Resistenz" bezeichnen. Der MPS-Impuls nach einer Mahlzeit fällt bei älteren Erwachsenen schwächer aus, selbst wenn dieselbe Proteinmenge aufgenommen wird wie bei einem 25-Jährigen.5
Stokes et al. (2018): Anabole Resistenz nimmt mit dem Alter zu. Während für jüngere Erwachsene eine Mahlzeitendosis von ~0,2 g/kg genügt, brauchen ältere Erwachsene eher ~0,4 g/kg pro Mahlzeit – besonders in Bezug auf den Leucin-Anteil – um denselben MPS-Stimulus zu erreichen. Leucin als mTOR-Aktivator gilt dabei als wichtiger Auslöser des MPS-Impulses.5
Das hat eine direkte Konsequenz für die Praxis. Wer über 60 oder 65 ist, sollte nicht bei 0,2 g/kg pro Mahlzeit (dem Richtwert für Jüngere) bleiben, sondern eher 0,4 g/kg anpeilen. Die Tagesgesamtempfehlung von 1,6 g/kg bleibt – aber die Verteilung auf größere Einzelportionen wird relevanter.
Besonders Leucin rückt in den Vordergrund. Als primärer mTOR-Aktivator ist Leucin der Auslöser der Muskelproteinsynthese. In der Forschung wird ein Richtwert von rund 2,5 g Leucin pro Mahlzeit diskutiert, v.a. für ältere Erwachsene; ein universeller Schwellenwert ist nicht belegt – wie wir im Artikel über Leucin und Muskelaufbau ausführlicher besprechen. Für ältere Erwachsene bedeutet das: Proteinquellen wählen, die pro Portion ausreichend Leucin liefern, nicht nur ausreichend Gesamtprotein.
Anabole Resistenz ist ein altersphysiologischer Normalvorgang, kein Ausnahmefall. Ältere Erwachsene brauchen pro Mahlzeit mehr Protein und mehr Leucin, um vergleichbare MPS-Impulse wie jüngere Erwachsene auszulösen. Das 1,6-g/kg-Tagesziel bleibt, aber die Mahlzeitenstruktur ändert sich (Stokes et al. 2018, Schoenfeld & Aragon 2018).3,5
Wie viel Protein am Tag brauchst du? Deine Formel nach Ziel und Gewicht
Die ISSN hat 2017 in ihrem Positionsstand zu Protein und Sport drei Kategorien definiert, die je nach Trainingsziel und Energiebilanz gelten:4
Aktive
Muskelaufbau
Kaloriendefizit
Trainierst du mit dem Ziel Muskelaufbau bei normalem Energieumsatz? Dann ist 1,6 g/kg dein Richtwert. Trainierst du im Kaloriendefizit und willst Muskelmasse möglichst erhalten? Dann kann es sinnvoll sein, Richtung 1,8 bis 2,0 g/kg zu gehen. Nicht weil mehr Protein direkten Muskelaufbau erzeugt, sondern weil im Defizit ein Teil des Proteins oxidiert wird und damit für die MPS weniger verfügbar ist. Das gleiche Prinzip greift auch außerhalb des klassischen Trainingsdefizits: unter GLP-1-Medikamenten wie Ozempic oder Wegovy stammt ein erheblicher Teil des Gewichtsverlusts aus Muskelmasse, wenn die Proteinzufuhr nicht aktiv erhöht wird.
Bei pflanzlichem Protein gibt es eine weitere Überlegung. Die Aminosäureverfügbarkeit ist bei einzelnen pflanzlichen Quellen etwas geringer als bei tierischen – bedingt durch unterschiedliche DIAAS-Werte und Antinutritiva wie Phytate. Für vegane Sportler gilt: Mit einer gut kombinierten Proteinquelle – etwa Erbsenprotein und Ackerbohnenprotein, die sich im Aminosäurenprofil ergänzen – wird dieser Unterschied minimal. Für eine sichere Marge empfehlen einige Forscher einen Aufschlag von etwa 10 %, also ~1,75 g/kg statt 1,6 g/kg.
Faustregel: 1,6 g/kg als Baseline. Im Kaloriendefizit: bis 2,0 g/kg. Bei pflanzlichem Protein und unsicherer Quellenkombination: +10 % Aufschlag. Die Verteilung auf 3–4 Mahlzeiten à 0,4 g/kg ist dabei mindestens so wichtig wie die Tagessumme.
Konkret für 75 kg Körpergewicht:
- Muskelaufbau (Baseline): 1,6 g/kg × 75 kg = 120 g Protein pro Tag
- Pro Mahlzeit (4 Einnahmen): 0,4 g/kg × 75 kg = 30 g pro Mahlzeit
- Im Kaloriendefizit: bis 2,0 g/kg × 75 kg = 150 g Protein pro Tag
Das Timing – also ob du dein Protein innerhalb von 2 Stunden nach dem Training aufnimmst – ist weniger kritisch als die Tagesgesamtmenge. Die ISSN-Daten zeigen, dass ein Zeitfenster rund um das Training sinnvoll ist, aber kein enger Pflichtrahmen.4 Wer regelmäßig isst und seine Mahlzeiten gut verteilt, ist ohnehin gut aufgestellt – wie wir im Artikel über das anabole Fenster ausführlicher zeigen.
FAQ: Zu viel Protein – gibt es Risiken?
Bei gesunden Erwachsenen ohne vorerkrankte Nierenfunktion gibt es keinen belastbaren Beleg, dass Proteinzufuhr bis 2,0 g/kg/Tag Nierenschäden verursacht. Die ISSN bestätigt das in ihrem Positionsstand (Jäger et al. 2017).4 Wer bereits an eingeschränkter Nierenfunktion leidet, sollte die Proteinzufuhr mit einer Ärztin oder einem Arzt besprechen – hier gelten andere Empfehlungen.
Ja – mit der richtigen Quellenkombination. Erbsenprotein und Ackerbohnenprotein ergänzen sich im Aminosäurenprofil gut und liefern bei ausreichender Gesamtmenge alle essenziellen Aminosäuren in verwertbarer Form. Ein moderater Zufuhr-Aufschlag von etwa 10 % auf die empfohlene Menge schließt eventuelle DIAAS-Lücken. Das ist kein Grund zur Sorge – es ist eine Planungsvariable.
Eine klar definierte toxische Schwelle gibt es für gesunde Erwachsene nicht. Die ISSN setzt die Obergrenze ihrer Empfehlung bei 2,0 g/kg für aktive Erwachsene im Kaloriendefizit. Wer dauerhaft deutlich darüber liegt – also 3,0 g/kg und mehr – erhöht die Oxidationslast, ohne zusätzlichen Nutzen für Muskelaufbau zu erzielen. Der Mehraufwand lohnt sich schlicht nicht.4
Fazit
1,6 g/kg ist ein gut belegtes Ziel – aber kein universelles Plateau, das für jeden unter allen Bedingungen gilt. Ältere Erwachsene brauchen mehr pro Mahlzeit, pflanzliche Proteinquellen eine leicht erhöhte Tagesmenge, und wer im Kaloriendefizit trainiert, sollte generell nach oben planen. Die Verteilung auf 3–4 Mahlzeiten à 0,4 g/kg ist mindestens so wichtig wie die Tagessumme. Nicht so einfach, wie die eine Zahl suggeriert. Aber einfacher als der Aufwand, den viele betreiben, um sie zu erreichen.







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